Willbacher / Blauer Elbling

Erhalt einer uralten Bergsträsser Rebsorte für künftige Generationen: Der „Willbacher“.

Die Wiederinbetriebnahme des Winzerbrunnens war der Startschuss für das Kooperationsprojekt „Erlebnispfad Wein und Stein“. Dann folgte mit der Pflanzung eines Weinbergs mit den Rebsorten „Willbacher" und „roter Riesling“ ein erstes Highlight des Pfades.

Kooperationspartner, Betreuer und Sponsoren für diese künftigen Teil des Lehrpfads sind die Forschungsanstalt Geisenheim, Fachgebiet Rebenzüchtung und die Rebveredlung Antes. Die Bewirtschaftung des Weinbergs am Heppenheimer Steinkopf erfolgt durch die Familie Rau, die zu den zahlreichen Hobbywinzern in der Bergsträsser Winzer eG zählt. Mit der Pflanzung wird ein bereits 1995 begonnenes Projekt erfolgreich abgeschlossen, das zum Ziel hatte, diese alte Rebsorte für künftige Generationen zu erhalten. Symbolisch waren daher bei der Pflanzung, unterstützt von der Bergsträsser Weinkönigin Christina Koob, drei Winzergenerationen dabei.

Die wissenschaftlichen Hintergründe sind in der untenstehenden „Willbacher-Story“- (Presseveröffentlichung der Forschungsanstalt Geisenheim zum Projekt) ausgeführt.

Passend zu den Beschlüssen der Agenda 21 über den Erhalt genetischer Ressourcen hat die Forschungsanstalt Geisenheim auf Anregung der Rebenveredlung Antes Winzer mit dem Start im September 1995 (!) die Grundlage geschaffen, dass diese alte „autochtone“ Rebsorte erhalten werden konnte. Der Ausdruck autochthon (von altgriechisch αὐτός (autós = selbst) und χθών (chthón = Erde) bedeutet „bodenständig“, „eingeboren“ oder „alteingesessen“.

Der Willbacher hatte früher in der Geschichte des Bergsträsser Weinbaus eine sehr bedeutende Rolle gespielt! Als reichtragende „Rebsorte des armen Mannes“ war sie zeitweilig eine Hauptsorte vieler Bergsträsser Winzer. Auch in der mehr als hundertjährigen Geschichte der Bergsträsser Winzer eG war dies noch bis Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts so.

Anzeige der Winzergenossenschaft über den Aufkauf von Willbacher-Trauben aus dem Jahr 1929: Auch damals wurde fälschlicherweise der Begriff "Wildbacher" verwendet, der viele Jahre danach dazu führte, dass man die Sorte mit dem steirischen Wildbacher in Österreich verglich. Gentests wiederlegten die Verwandtschaft.

19290828AufkaufinseratuafuerWildbacher

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Aus den Traubenanlieferungslisten der Bergsträsser Winzer eG aus dem Jahre 1937 (in richtiger Schreibweise "Willbacher" geht hervor, dass zahlreiche Mitglieder trotz aller Ermahnungen, bessere Sorten anzubauen, weiter der reichtragenden Sorte Willbacher den Vorzug gaben:

19371210AuszahlungslisteVorderseiteSieheWillbacher

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Da sich die Weine des spätreifenden Willbachers aber eher durch intensive Säure als durch hohe Qualitäten auszeichneten, wurden sie oft auch spöttisch als „Dreimännerweine“ (Einer trinkt, zwei halten ihn dabei fest) bezeichnet. Sie waren fast unverkäuflich und er stand kurz vor dem Aussterben. In den letzten Jahrzehnten fristeten noch einige wenige Rebstöcke ihr Dasein. Von der Rebveredlung Antes wurden zuweilen neue Pflanzen als „Hausreben“ zur Erhaltung der Sorte produziert. Der „Willbacherweg“ in der Heppenheimer Nordstadt hielt ebenfalls die Erinnerung an die Bergsträsser Besonderheit wach.

Ein alter Weinberg des Winzers Richard Boch, gepflanzt 1927 am Heppenheimer Maiberg überlebte jedoch und diente als Ausgangspunkt für das ehrgeizige Projekt. Die nach 10-jähriger Forschungsarbeit im Institut von alten Krankheiten und Rebvirosen befreiten Pflanzen wurden nun ausgepflanzt und können künftig dem Erhalt der Sorte dienen, deren genetische Abstammung inzwischen erforscht wurde. Nach den Untersuchungen des Rebsortenkundlers Andreas Jung ist der blaue Willbacher genetisch identisch mit dem blauen Elbling.

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Gruppenbild mit Königin: vlnr: Josef Rau, Richard Boch, Hildegard Rau, Walter Bitsch, Weinkönigin Christina Koob, Anja Antes, Nicole Antes, Heike Antes. Über den Willbacher hinaus wurden nun aber als weitere kleine Sensationen Pflanzen folgender weiterer autochtoner Rebsorten im Weinberg ausgesetzt, die den wenigsten Weinfreunden überhaupt bekannt sein dürften: Roter Riesling (!), Weißer Heunisch (er ist der Urvater der wichtigsten europäischen Rebsorten), roter Heunisch, Buketttraube, Weißer Olber, Gelber Orleans, weißer und roter Elbling, Schwarzelbling, Augster, Weisser Hanns, Courtillier Musque, Putzscheere, Laska, Roter, blauer und schwarzer Urban, Orangetraube, blauer Affenthaler und Fürstentraube.

Wenn der Weinberg in zwei bis drei Jahren im Ertrag steht, dürften sich damit nicht nur an der Bergsträsser Geschichte interessierte Weinfreunde, sondern auch die weinbauliche Fachwelt auf einen besonders raren „Museumstropfen“ vom Erlebnispfad Wein und Stein freuen, welcher in den nächsten Monaten im Rahmen der hervorragend funktionierenden Kooperation zwischen Bergsträsser Winzer eG und Geopark mit weiteren einzigartigen Stationen ergänzt werden wird.

Die Besucher des Weinfestes der Bergsträsser Winzer eG am letzten Ausgustwochenende können den Weinberg besichtigen, wenn sie an den beliebten Weinbergsrundfahrten teilnehmen. Der Weinberg liegt direkt an der Wegstrecke des Erlebnispfades Wein und Stein.

Nachtrag: Inzwischen werden die Trauben dieses Weinbergs von den "Botschaftern der Bergstraße" jährlich geerntet. Erhältlich ist der Wein als Botschafterwein im Viniversum.

Wertvolle genetische Ressourcen - Die Story vom Bergsträßer Will(d)bacher

Von Dipl.-Ing. Hubert Konrad und Dr. Tatjana Wolf, Forschungsanstalt Geisenheim, Fachgebiet Rebenzüchtung und Rebenveredlung, Eibinger Weg 1, 65366 Geisenheim

Die in der Steiermark verbreitete Sorte Wildbacher, dort bekannt für den Schilcherwein, einen säurebetonten, herben Rosewein, soll an der Hessischen Bergstraße in kleinen Restbeständen stehen? Die Neugierde der Rebenzüchter der Forschungsanstalt Geisenheim war geweckt. Angeregt von der Bergsträßer Winzergenossenschaft wurde am 21.9.1995 das kleine Rebgrundstück des Winzers Richard Boch im Heppenheimer Maiberg von den Geisenheimern Fachleuten unter die Züchterlupe genommen. Laut amtlicher Weinbaukartei des Landes Hessen konnte das Pflanzjahr des Weinberges auf das Jahr 1927 datiert werden. In dem damals fast 70 Jahre alten Weinberg wurden 13 Stöcke von den Züchtern als interessant markiert, das Holz im Winter geschnitten und in Geisenheim im darauffolgenden Frühjahr veredelt.

Da den Züchtern von Rebsortenbeschreibungen aus der Literatur bekannt war, dass verschiedene Wildbacher-Typen existieren mussten, wurde der Wildbacher von der Bergstraße mit den bereits im Geisenheimer Rebsortiment stehenden Wildbachern unterschiedlicher Herkünfte verglichen. Es zeigte sich sehr bald, dass der Bergsträßer Wildbacher nichts mit den bisher bekannten Wildbachern zu tun hatte. Also wurden für eine Vergleichspflanzung zusätzlich andere Wildbacher aus anderen Herkünften, darunter auch Originale aus der Steiermark, beschafft. Diese wurden in Geisenheim veredelt und im Frühjahr 1997 als kleine Vergleichsanlage gepflanzt. Schon im Jungfeld konnten die Pflanzen anhand ihrer äußeren Merkmale unterschieden und in 4 verschiedene Typen unterteilt werden.

Zusätzlich zu den morphologischen Einteilungen der Pflanzen in 4 Wildbacher-Typen wurden 2001 erste genetische Untersuchungen mit Hilfe der Polymerasekettenreaktion (PCR) durchgeführt. Die Laboruntersuchungen bestätigten, unabhängig von den Informationen bezüglich der Zuordnung der Proben zu den 4 Wildbacher-Typen, exakt die bereits durch das äußere Erscheinungsbild festgelegten Einteilungen.

2002 war der Bestand endlich so durchsortiert und erfasst, dass eine sinnvolle getrennte Ernterfassung der 4 Typen erfolgen konnte. Es zeigten sich über die Jahre Unterschiede in Mostgewicht, Säuregehalt, Ertrag und Fäulnisanfälligkeit der Trauben. Im Jahr 2003 konnte das erste Mal Wein im Kleinstgebinde (10 l Glasballons) ausgebaut werden.

Eine Kooperation mit österreichischen Kollegen der Höheren Bundeslehranstalt und dem Bundesamt für Wein- und Obstbau, Klosterneuburg, sowie dem Landwirtschaftlichen Versuchszentrum Steiermark, Graz, bestätigte nochmals die Einteilung der Pflanzen in 4 Wildbacher-Typen. Vergleiche dieser Typen mit weststeirischen Wildbacher-Typen zeigten, dass eine Variante der Wildbacher-Typen aus dem Geisenheimer Sortiment mit der Sorte Blauer Wildbacher identisch war. Die übrigen Wildbacher-Typen waren laut genetischen Untersuchungen anderen Ursprüngen zuzuordnen. Zur Zeit werden die Wildbacher-Typen im Geisenheimer Sortiment mit Rebenmaterial aus anderen deutschen und europäischen Rebsortimenten verglichen. Diese Untersuchungen sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen. Nachtrag: Inzwischen sind diese Untersuchungen erfolgt haben gezeigt, das der Bergsträßer "Willbacher" mit dem blauen Elbling von der badischen Bergstraße identisch ist.

Vom Bergsträßer-Typ, in alten Aufzeichnungen auch Willbacher geschrieben , wurden im Frühjahr 2006 im Fachgebiet Rebenzüchtung und Rebenveredlung in Geisenheim ca.250 Pfropfreben hergestellt. Diese Pflanzen sollen zur Erhaltung dieser alten Rebsorte im Heppenheimer Steinkopf am Lehrpfad Wein und Stein des UNESCO-Geoparks Bergstraße gepflanzt werden.

Im Jahre 2008 werden voraussichtlich die ersten Trauben dieser alten und vermutlich autochthonen (bodenständigen) Bergsträßer Rebsorte gekeltert.

Weitere Informationen:

Renner, W., Wolf, T., Konrad, H., Eder, R., Regner, F. (2006): Typenerfassung bei der Rebsorte Blauer Wildbacher unter ampelografischen, analytischen und genetischen Aspekten. Deutsches Weinbau-Jahrbuch, 57, Eugen Ulmer: 143-150

 

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